Leitfaden/Kapitel VII
Was das Recht sagt
Was das Gesetz in vier Ländern zu Einwilligung, Bildern, Alter und Spielen in der Öffentlichkeit sagt und was das konkret für deine Praktiken bedeutet.

In diesem Kapitel
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Einwilligung schützt nicht vor allem
Ohne Einwilligung kein BDSM. Aber die Einwilligung rechtfertigt nicht alles.
Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) hat zwei Leitplanken gesetzt. In Laskey, Jaggard und Brown gegen Vereinigtes Königreich (1997) akzeptiert er, dass ein Staat in einem sadomasochistischen Kontext unter Erwachsenen Gewalt bestraft, die weder leicht noch vorübergehend ist, unabhängig von der Einwilligung des Opfers1. In K.A. und A.D. gegen Belgien (2005) hält er fest, dass sich das Strafrecht grundsätzlich nicht in einvernehmliche sexuelle Praktiken einzumischen hat, bestätigt dann aber die Verurteilung zweier Praktizierender, die so betrunken waren, dass sie die Kontrolle verloren, und trotz des «Stopp» der betroffenen Person weitermachten: Die anfangs gegebene Zustimmung deckte das Weitere nicht ab2.
In der Schweiz hängt alles von der Schwere ab. Nach herrschender Lehre und Rechtsprechung kann eine urteilsfähige Person gültig in einfache Körperverletzungen einwilligen (Art. 123 StGB). Bei schweren Körperverletzungen (Art. 122 StGB: Lebensgefahr, Verstümmelung, Entstellung, schwere Schädigung der Gesundheit) gilt die Einwilligung nur, wenn sie im wohlverstandenen Interesse der Person als vernünftige oder zumindest vertretbare Entscheidung erscheint3. Je schwerer und dauerhafter die Verletzung, desto weniger schützt die Einwilligung.
2025 hat das Bundesgericht präzisiert, was Einwilligung in einer sadomasochistischen Beziehung bedeutet. Wer Praktiken einmal zugestimmt hat, hat damit nicht dem nächsten Mal zugestimmt. Wenn die sexuelle Handlung untrennbar mit Eingriffen in den Körper und körperlicher Unterwerfung verbunden ist, muss die Einwilligung ausdrücklich sein: Eine stillschweigende oder vermutete Zustimmung genügt nicht. Und man kann einer Person nicht vorwerfen, das Safeword, das vereinbarte Wort zum Aufhören, nicht benutzt zu haben, wenn nicht feststeht, dass sie sich auf ein Spiel eingelassen hatte. Im beurteilten Fall hatte die Frau mehrmals verlangt aufzuhören; der Mann wurde der einfachen Körperverletzung, der sexuellen Nötigung und der Vergewaltigung schuldig gesprochen4.
Bilder und Videos
Überall gilt im Kern dieselbe Regel: Wer zustimmt, fotografiert zu werden, stimmt nicht zu, dass das Bild weitergegeben wird.
- Schweiz: Seit dem 1. Juli 2024 bestraft Art. 197a StGB die Weiterleitung eines nicht öffentlichen Inhalts sexueller Natur an eine Drittperson ohne Einwilligung der erkennbaren Person: auf Antrag mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr; bis zu drei Jahren, wenn der Inhalt öffentlich gemacht wurde, und die Tat wird dann von Amtes wegen verfolgt. Der Inhalt muss nicht pornografisch sein56.
- Frankreich: Art. 226-2-1 CP bestraft mit bis zu zwei Jahren Freiheitsstrafe und 60’000 € Geldstrafe, wer ohne Zustimmung der Person zur Verbreitung eine Aufnahme oder ein Bild sexueller Natur der Öffentlichkeit oder einer Drittperson zugänglich macht, auch wenn es mit ihrer Einwilligung entstanden ist oder von ihr selbst aufgenommen wurde7.
- Belgien: Der frühere Art. 371/1 des Code pénal wurde 2022 mit der Reform des Sexualstrafrechts aufgehoben8. Seit dem 1. September 2026 bestraft der neue Code pénal den Voyeurismus (Art. 135) und die nicht einvernehmliche Verbreitung von Inhalten sexueller Natur (Art. 136, ex-Art. 417/9), auch wenn die Person zugestimmt hatte, dass sie entstehen; Art. 137 verschärft die Strafe bei böswilliger Absicht oder Gewinnabsicht9.
- Kanada: Art. 162.1 des Code criminel bestraft die Verbreitung eines intimen Bildes ohne Einwilligung der Person mit bis zu zehn Jahren Freiheitsstrafe; auch die Drohung mit der Verbreitung ist strafbar10.
Das Alter
Diese Website richtet sich an Erwachsene. Das Schutzalter macht niemanden erwachsen, aber es setzt eine strafrechtliche Grenze.
| Land | Schutzalter | Bestimmung |
|---|---|---|
| Schweiz | 16 Jahre; keine Straftat, wenn der Altersunterschied nicht mehr als drei Jahre beträgt | Art. 187 StGB5 |
| Frankreich | 15 Jahre; bestimmte sexuelle Handlungen einer volljährigen an einer minderjährigen Person unter 15 Jahren gelten als Vergewaltigung, sobald der Altersunterschied fünf Jahre erreicht | Art. 227-25 und 222-23-1 CP7 |
| Belgien | 16 Jahre; zwischen 14 und 16 Jahren ist eine Einwilligung möglich, wenn der Altersunterschied nicht mehr als drei Jahre beträgt | Art. 133 des neuen Code pénal, ex-Art. 417/69 |
| Québec (Kanada) | 16 Jahre, mit Ausnahmen bei geringem Altersunterschied | Art. 150.1 des Code criminel10 |
Für sexuelle Bilder, an denen Minderjährige beteiligt sind, gelten noch weit strengere Regeln.
Exhibitionismus: Wer vorbeikommt, hat nichts zugestimmt
- Schweiz: Exhibitionismus wird auf Antrag mit Busse bestraft, in schweren Fällen mit Geldstrafe (Art. 194 StGB). Wer pornografische Darstellungen öffentlich zeigt oder sie unaufgefordert zuschickt, wird mit Busse bestraft (Art. 197 Abs. 2 StGB)5.
- Frankreich: Eine sexuelle Zurschaustellung, die anderen an einem öffentlich einsehbaren Ort aufgezwungen wird, wird mit bis zu einem Jahr Freiheitsstrafe und 15’000 € Geldstrafe bestraft. Nacktheit ist dafür nicht nötig: Eine eindeutige sexuelle Handlung, echt oder simuliert, genügt. Die Strafen verdoppeln sich, wenn das Opfer jünger als 15 Jahre ist (Art. 222-32 CP)7.
- Belgien: Wer anderen an einem öffentlichen Ort die eigenen Geschlechtsorgane oder eine Handlung sexueller Natur aufzwingt, macht sich strafbar (Art. 184). Jemanden, der nicht einwilligt, absichtlich sexuellen Handlungen beiwohnen zu lassen, gilt als Verletzung der sexuellen Integrität (Art. 134)9.
- Kanada: Eine unsittliche Handlung an einem öffentlichen Ort in Anwesenheit einer oder mehrerer Personen ist eine Straftat (Art. 173 des Code criminel)10.
Was das für deine Praktiken bedeutet
Spielen in der Öffentlichkeit
Ein Halsband, ein Spiel, das niemand bemerkt: Das bleibt unter euch. Sobald Dritte eine Handlung sexueller Natur oder Nacktheit sehen, bist du im Bereich des Exhibitionismus, in Frankreich sogar bekleidet7. Wer vorbeigeht, wer im Restaurant bedient, das Kind im Park: Niemand davon hat etwas ausgehandelt. Dafür gibt es private Partys unter informierten Erwachsenen.
Die «Beweisfotos» bei Spielen auf Distanz
Bei Spielen auf Distanz verlangt eine Aufgabe manchmal ein Foto als Beweis. An eine erwachsene Person geschickt, die darum gebeten hat, ist das der vereinbarte Austausch. Es weiterzuleiten, jemand anderem zu zeigen oder zu veröffentlichen, ist in allen vier Ländern die oben beschriebene Straftat. Es jemandem zu schicken, der nicht darum gebeten hat, ist in der Schweiz strafbar (Art. 197 Abs. 2 StGB)5.
Sensible Daten
In der Schweiz zählt das neue Datenschutzgesetz (nDSG), seit dem 1. September 2023 in Kraft, Daten über die Gesundheit und die Intimsphäre zu den besonders schützenswerten Personendaten (Art. 5 Bst. c)11. In der Europäischen Union, also in Frankreich und Belgien, verbietet die DSGVO grundsätzlich die Verarbeitung von Daten zum Sexualleben oder zur sexuellen Orientierung, mit Ausnahmen wie der ausdrücklichen Einwilligung (Art. 9)12. In Québec ist eine Information sensibel, wenn sie namentlich medizinischer, biometrischer oder sonst intimer Natur ist13.
Diese Website speichert nichts. Kein Konto, keine Antwort wird auf einem Server aufbewahrt. Die Spuren, die bleiben, sind deine: Screenshots, automatische Backups in der Cloud, ein geteiltes Handy.
Schweiz
Seit dem 1. Juli 2024 sind sexueller Übergriff und Vergewaltigung Handlungen, die «gegen den Willen einer Person» begangen werden, auch wenn die Täterschaft einen «Schockzustand» der Person ausnützt (Art. 189 und 190 StGB). Wer die Urteilsunfähigkeit oder die Widerstandsunfähigkeit einer Person ausnützt, wird gesondert bestraft (Art. 191 StGB)5.
Frankreich
Seit dem Gesetz vom 6. November 2025 definiert Art. 222-22 CP die Einwilligung als «frei und informiert, spezifisch, vorgängig und widerruflich». Sie wird nach den Umständen beurteilt und darf nicht allein aus Schweigen oder ausbleibender Reaktion abgeleitet werden; bei Gewalt, Zwang, Drohung oder Überraschung liegt keine vor7. Bei Schlägen und Verletzungen ist die Einwilligung des Opfers im französischen Recht kein allgemeiner Rechtfertigungsgrund14.
Belgien
Der neue Code pénal, der für den 8. April 2026 vorgesehen war, ist am 1. September 2026 in Kraft getreten15. Sein Art. 132 übernimmt die Definition der Einwilligung von 2022: Sie muss freiwillig erteilt werden, wird nach den Umständen beurteilt, lässt sich nicht aus dem blossen Fehlen von Widerstand ableiten und kann jederzeit zurückgezogen werden, vor oder während der Handlung. Keine Einwilligung liegt vor, wenn die Täterschaft einen Zustand der Verletzlichkeit ausnützt (Angst, Alkohol, Drogen), und auch nicht, wenn das Opfer bewusstlos ist oder schläft9.
Québec (Kanada)
Das Strafrecht ist im bundesweit geltenden Code criminel geregelt. Einwilligung ist dort «die freiwillige Zustimmung» zur sexuellen Handlung; sie muss gleichzeitig mit der Handlung bestehen und liegt nicht vor, wenn die Person bewusstlos ist (Art. 273.1)10. Der Oberste Gerichtshof Kanadas hatte das bereits im Urteil R. c. J.A. (2011 CSC 28) entschieden: Während einer erotischen Asphyxie hatte eine Frau das Bewusstsein verloren, und ihr Partner hatte die sexuelle Handlung fortgesetzt. Mit sechs zu drei Stimmen entschied der Oberste Gerichtshof, dass man während der gesamten Handlung bei Bewusstsein sein muss, um darin einzuwilligen, und dass man nicht im Voraus in etwas einwilligen kann, das während einer Bewusstlosigkeit geschieht16.
Bei Verletzungen hat das Urteil Jobidon (1991) die Einwilligung in eine Schlägerei, die zu Verletzungen führte, nicht gelten lassen; das Urteil Welch (1995) hat diesen Grundsatz auf Sadomasochismus angewandt; das Urteil Zhao (2013) des Berufungsgerichts von Ontario hat ihn auf Fälle beschränkt, in denen die Absicht, Verletzungen zuzufügen, nachgewiesen ist, und dabei bezweifelt, dass Welch noch massgeblich ist17. Seit 2019 gilt Würgen, Ersticken oder Strangulieren als qualifizierte Form des tätlichen Angriffs (Art. 267)10.
Weiterlesen
- Konsens: eine ausdrückliche, präzise und widerrufliche Zustimmung, wie das Recht sie verlangt.
- Kartenspiel: die Karten und klare Regeln für Fotos.
- Atmung: warum keine Würgepraktik sicher ist.
- Ressourcen: Anlaufstellen und Vereine, nach Land.
Quellen
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Cour européenne des droits de l’homme, 1997. Laskey, Jaggard et Brown c. Royaume-Uni, Beschwerden Nr. 21627/93, 21826/93 und 21974/93, Urteil vom 19. Februar 1997. Refworld. Link ↑
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Cour européenne des droits de l’homme, 2005. K.A. et A.D. c. Belgique, Beschwerden Nr. 42758/98 und 45558/99, Urteil vom 17. Februar 2005. HUDOC. Link ↑
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Commission des affaires juridiques du Conseil national, 2010. Initiative parlementaire 05.404. Réprimer explicitement les mutilations sexuelles, Bericht vom 30. April 2010, S. 19. Parlement suisse. Link ↑
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Collaud, M., 2026. Le consentement à une relation sadomasochiste, Zusammenfassung des Bundesgerichtsurteils 6B_399/2024 und 6B_405/2024 vom 5. September 2025. LawInside. Link ↑
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Confédération suisse, Stand 1. Oktober 2026. Code pénal suisse (RS 311.0), Art. 122, 123, 187, 189 bis 191, 194, 197 und 197a. Fedlex. Link ↑↑↑↑↑
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Juriup, 2026. Porter plainte pour revenge porn en Suisse. Juriup. Link ↑
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République française, Ausgabe vom 19. September 2026. Code pénal, Art. 222-22, 222-23-1, 222-32, 226-2-1 und 227-25, konsolidierte Fassung nach Légifrance. Codes.droit.org. Link ↑↑↑↑↑
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Royaume de Belgique, 2022. Loi du 21 mars 2022 modifiant le Code pénal en ce qui concerne le droit pénal sexuel, Art. 117 (Aufhebung von Art. 371/1). Text wiedergegeben von jeminforme.be. Link ↑
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Royaume de Belgique, 2024. Loi du 29 février 2024 introduisant le Livre II du Code pénal, Art. 132 bis 137 und 184. Etaamb. Link ↑↑↑↑
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Gouvernement du Canada, Stand 28. September 2026. Code criminel (L.R.C. 1985, ch. C-46), Art. 150.1, 162.1, 173, 267 und 273.1. Site Web de la législation (Justice). Link ↑↑↑↑↑↑
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Confédération suisse, 2025. Loi fédérale sur la protection des données (RS 235.1), Art. 5 Bst. c, in Kraft seit 1. September 2023. Fedlex. Link ↑
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Union européenne, 2016. Règlement (UE) 2016/679 (RGPD), Art. 9. EUR-Lex. Link ↑
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Fasken, 2022. On répond à vos questions : modernisation des lois sur la protection des renseignements personnels (1 de 3), mit Verweis auf Art. 12 der Loi sur la protection des renseignements personnels dans le secteur privé. Fasken. Link ↑
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Cabinet ACI, 2021. Le consentement de la victime à l’infraction pénale. Cabinet ACI. Link ↑
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Union des Villes et Communes de Wallonie, 2026. Report de l’entrée en vigueur du nouveau Code pénal au 1er septembre 2026. UVCW. Link ↑
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LEAF, 2011. No Consent to Sex when a Woman is Unconscious, zum Urteil R. c. J.A., 2011 CSC 28, [2011] 2 R.C.S. 440, vom 27. Mai 2011. LEAF. Link ↑
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TheCourt.ca, 2014. Consent and Sexual Assault Causing Bodily Harm: R v Zhao. Osgoode Hall Law School. Link ↑