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Leitfaden/Kapitel IV

Was im Körper passiert

Was Studien während echter Sessions gemessen haben, was nur vermutet wird und was das für die Sicherheit während der Session und für die Zeit danach bedeutet.

8 Min. Lesezeit · 11 Quellen · geprüft im Oktober 2026

Ölgemälde: Ein Mann liegt mit geschlossenen Augen da, während eine Hand in schwarzem Spitzenhandschuh eine Feder über sein Schlüsselbein gleiten lässt
In diesem Kapitel
  1. Was gemessen wurde
  2. Was vermutet, aber nicht gemessen wurde
  3. Der Subspace
  4. Topspace und Flow
  5. Was das für die Sicherheit bedeutet
  6. Der Drop
  7. Aftercare, konkret
  8. Weiterlesen

Zur Physiologie von BDSM gibt es wenige Studien, und sie sind klein. Dieses Kapitel trennt, was gemessen wurde, und an wie vielen Personen, von dem, was ohne Beleg weitererzählt wird.

Was gemessen wurde

Einige Forschungsteams haben etwas scheinbar Einfaches getan: vor und nach einer echten, einvernehmlichen Session (im Jargon auch «Scene» genannt) Speichel oder Blut entnommen und die Werte verglichen.

Cortisol

Cortisol, das Stresshormon, steigt bei der Person, die gefesselt wird, empfängt oder gehorcht. Sagarin und sein Team haben es in zwei Studien im Speichel von 58 Praktizierenden gemessen; bei der Person, die handelt, verändert es sich nicht1. Das Team um Wuyts findet diesen Anstieg bei den Submissiven wieder, an 35 Paaren im Vergleich mit 27 Kontrollpersonen, nicht aber bei den Dominanten2.

Ein wichtiges Detail bei Sagarin: Wenn die Session gut gelaufen ist, sinkt das Cortisol danach wieder, und das Gefühl von Nähe zwischen den Beteiligten nimmt zu1.

Endocannabinoide

Endocannabinoide sind körpereigene Moleküle, die mit Lust, Belohnung und Schmerzregulation zusammenhängen3. Bei den Submissiven der flämischen Studie steigen sie nach der Session an, und eines davon (2-AG) ist höher, wenn die Session Schmerz einschliesst. Bei den Dominanten steigen sie, wenn die Session auf Machtspiel beruht, nicht auf Schmerz2. Bei den Submissiven gehen der Anstieg des Cortisols und jener der Endocannabinoide miteinander einher4.

Schmerzschwelle

Bei denselben Paaren (34 Dominante, 33 Submissive und 24 Kontrollpersonen wurden in die Auswertung aufgenommen) haben die Praktizierenden im Schnitt eine höhere Schmerzschwelle als die Kontrollpersonen, und die Schwelle der Submissiven steigt nach der Session vorübergehend noch weiter an5.

Testosteron

Die Ergebnisse widersprechen sich. Sagarin beobachtet einen Anstieg bei Frauen in der Bottom-Rolle, also bei denen, die empfangen1; die systematische Übersichtsarbeit von 2022, die die zehn verfügbaren Publikationen zur Biologie von BDSM zusammenführt, hält seine Rolle für unklar3.

Bildgebung des Gehirns

Die bildgebenden Studien untersuchen keine Sessions. Sie vergleichen Menschen mit und ohne Interesse an BDSM, zum Beispiel beim Betrachten von Bildern. Sie deuten auf eine Rolle des ventralen Striatums und des parietalen Operculums (Lust, Belohnung), des somatosensorischen Kortex (Schmerzwahrnehmung) und der vorderen Insula (Empathie) hin3.

Aufmerksamkeit

Ambler und sein Team haben 14 erfahrene Praktizierende per Los als Top, also in der handelnden Rolle, oder als Bottom, in der empfangenden Rolle, eingeteilt. Nach der Session schnitten die Bottoms in einem Aufmerksamkeitstest (dem Stroop-Test) schlechter ab, was zu einer «vorübergehenden Hypofrontalität» passt, einem teilweisen Herunterfahren des präfrontalen Kortex. Die Tops dagegen beschrieben einen «Flow»-Zustand6.

Was vermutet, aber nicht gemessen wurde

Überall liest man, BDSM löse einen «Endorphinrausch» aus. Das ist plausibel, aber nicht belegt. Die einzige bekannte Session-Studie, die Beta-Endorphine im Blut bestimmt hat, berichtet in ihrem Abstract nur für Cortisol und Endocannabinoide über einen Effekt2. Was im Gehirn passiert, wurde nie während einer Session gemessen. Adrenalin und Dopamin wurden in den Session-Studien nicht bestimmt. Die Übersichtsarbeit von 2022 erwähnt Oxytocin, ein mit Bindung verbundenes Hormon, hält seine Rolle aber für weniger offensichtlich als die von Cortisol oder Endocannabinoiden3.

Die nützlichste Analogie kommt vom Laufen. Die Euphorie beim Laufen, das Runner’s High, wurde lange den Endorphinen zugeschrieben. Bei Mäusen haben Fuss und sein Team gezeigt, dass die Beruhigung und der Rückgang des Schmerzes nach dem Laufen von Cannabinoid-Rezeptoren abhängen; die Euphorie selbst lässt sich am Tier nicht untersuchen7. Beim Menschen haben Boecker und sein Team mit Bildgebung (PET) bei 10 Sportler:innen nach zwei Stunden Laufen beobachtet, dass das Gehirn in präfrontalen und limbischen Arealen Opioide ausschüttet, im Zusammenhang mit der empfundenen Euphorie8. Beide Systeme spielen also mit. BDSM zeigt zumindest Veränderungen der Endocannabinoide, was den Vergleich verlockend macht. Es bleibt ein Vergleich.

Ein Phänomen ist dagegen gesichert: die stressinduzierte Analgesie. Akuter Stress dämpft den Schmerz, über mehrere Wege, darunter körpereigene Opioide und Cannabinoide9.

Was behauptet wird Status Worauf es beruht
Cortisol steigt bei der empfangenden Person Gemessen 58 Personen, dann 35 Paare
Endocannabinoide steigen an Gemessen, nur ein Team 35 Paare und 27 Kontrollpersonen
Die Schmerzschwelle der Submissiven steigt nach der Session Gemessen, nur ein Team 33 Submissive
Testosteron verändert sich Widersprüchlich Übersicht über 10 Publikationen
Weniger Aufmerksamkeit bei Bottoms, Flow bei Tops Gemessen, sehr kleine Stichprobe 14 Personen
Endorphinrausch Vermutet Eine Blutmessung, ohne berichteten Effekt
Adrenalin, Dopamin, Oxytocin Vermutet Keine Messung während einer Session
Subspace = Analgesie + Hypofrontalität Plausible Hypothese Zusammensetzung der obigen Ergebnisse
Drop = hormoneller Abfall Ungetestete Hypothese Keine Studie

Der Subspace

Viele Bottoms beschreiben während einer intensiven Session einen besonderen Zustand: Der Kopf schwebt, die Zeit dehnt sich, der Schmerz ist weit weg, die Worte kommen schwer. Man nennt ihn Subspace.

Die am besten gestützte Hypothese verbindet drei Mechanismen. Eine Analgesie (Endocannabinoide, wahrscheinlich Opioide). Eine starke Aktivierung, auf die eine Entspannung folgt (Cortisol, vermutlich Adrenalin). Und ein teilweises Herunterfahren des präfrontalen Kortex, des Bereichs, der plant und urteilt. Jedes Teil beruht auf einer Messung oder einem bekannten Phänomen; das Ganze wurde so nie gemessen: Niemand hat einen Subspace live verfolgt, und die Studie zur Aufmerksamkeit umfasst 14 Personen6.

Der Kontext zählt so viel wie die Chemie. Derselbe Reiz wirkt nicht gleich, je nach Vertrauen, gefühlter Sicherheit, dem Gefühl, selbst zu wählen, und der Beziehung zur Person gegenüber10. Bei Sagarin zeigen sich weniger Stress und mehr Nähe nur, wenn die Session gut gelaufen ist1. Eine abgesprochene Ohrfeige von jemandem, dem du vertraust, und dieselbe Ohrfeige in einem Moment des Zweifels sind nicht dieselbe Erfahrung, weder für den Kopf noch wahrscheinlich für den Körper.

Topspace und Flow

Auf der Top-Seite hat Ambler einen Zustand gemessen, der dem vom Psychologen Mihály Csíkszentmihályi beschriebenen Flow nahekommt: Versunkenheit, gebündelte Aufmerksamkeit, die Zeit vergeht wie im Flug6. Viele nennen das Topspace. Flow hilft, präzise zu sein. Er hat eine mögliche Kehrseite: Wer sich ganz auf eine Bewegung konzentriert, kann übersehen, was anderswo geschieht, eine Hand, die blass wird, eine Atmung, die sich verändert.

Was das für die Sicherheit bedeutet

Setz das Bisherige zusammen: In diesem Zustand spürt man Schmerz weniger und urteilt schlechter. Der Schmerz, der als Alarm dient, warnt später. Und das Safeword setzt voraus, dass man merkt, dass man aufhören muss, dann das Wort wiederfindet und es ausspricht. Genau das wird schwierig, wenn die Aufmerksamkeit abgestumpft ist.

Konkret auf der Top-Seite:

  • frag regelmässig nach, mit Fragen, die mehr verlangen als ein Ja: «Gib mir eine Zahl von 1 bis 5», «Drück zweimal meine Hand»;
  • achte auf das, was nicht lügt: die Atmung, die Hautfarbe, wie schnell die Antworten kommen, wie warm Hände und Füsse sind (bei Seilen siehe Seile);
  • wenn die Antworten langsam oder unklar werden, nimm die Intensität zurück oder hör auf: Der Subspace ist kein Ziel, das um jeden Preis erreicht werden muss;
  • vereinbart im Voraus ein Signal, das ohne Sprache auskommt (siehe Konsens).

Der Drop

Nach einer Session erleben manche ein Tief: Müdigkeit, Traurigkeit, Angst, Schuldgefühle, manchmal ohne erkennbaren Grund. Man spricht von Sub Drop und von Top Drop, wenn es die Person trifft, die geführt hat (siehe Drop). Sprott und Randall unterscheiden einen unmittelbaren Drop in den Minuten danach und einen verzögerten Drop einige Tage später, manchmal bis zu einer Woche11.

Die verbreitetste Erklärung ist ein hormoneller Abfall. Sie wurde nie getestet. Die beiden weisen darauf hin, dass sich die angeführten hormonellen Schwankungen in Minuten abspielen, nicht in Tagen, und schlagen für den verzögerten Drop psychologische Erklärungen vor11. Man weiss also nicht, was ihn auslöst. Man weiss, dass es ihn gibt und dass er beide Rollen trifft.

Aftercare, konkret

Aftercare ist die Fürsorge nach der Session. Sie wird vorher abgesprochen, wie alles andere, denn alle haben eigene Bedürfnisse: Manche wollen in den Arm genommen werden, andere ein Glas Wasser und zehn Minuten Stille. Das Prinzip ist nichts BDSM-Spezifisches: Nach jedem etwas intensiveren intimen Moment tun eine Zeit der Zärtlichkeit und eine Nachricht am nächsten Tag gut.

Für die Person, die empfangen hat:

  • Wärme (eine Decke genügt), Wasser, etwas zu essen;
  • ein Blick auf Haut, Spuren, Durchblutung und Gelenke;
  • Körperkontakt, wenn sie ihn möchte, Worte oder Stille, je nachdem, was ihr lieber ist;
  • kein Autofahren und keine wichtigen Entscheidungen, solange sie nicht wieder ganz da ist.

Für die Person, die geführt hat:

  • auch sie kann es brauchen zu hören, dass alles in Ordnung war, und über das zu reden, was sie getan hat;
  • trinken, essen, sich hinsetzen: Aftercare für Tops ist kein Luxus.

Frag am nächsten Tag nach, wie es geht. Eine Nachricht genügt: «Wie fühlst du dich heute? Hat dich etwas gestört?» Wiederhole das ein paar Tage später, denn der Drop kann verzögert kommen11. Wenn das Tief anhält oder dunkle Gedanken auftauchen, sprich mit einer Vertrauensperson oder einer Fachperson (siehe Ressourcen).

Weiterlesen

  • Sicherheit: die Risiken jeder Praktik und die Zeichen, bei denen man aufhören muss.
  • Konsens: aushandeln und die eigenen Signale wählen.
  • Was die Forschung sagt: Wohlbefinden, Persönlichkeit und Grenzen der Studien.
  • Heute Abend: vor einer Session deine Tagesform klären, Aftercare inklusive.

Quellen

  1. Sagarin, B. J., Cutler, B., Cutler, N., Lawler-Sagarin, K. A. und Matuszewich, L., 2009. Hormonal changes and couple bonding in consensual sadomasochistic activity. Archives of Sexual Behavior, 38(2), 186-200. Link ↑↑↑↑

  2. Wuyts, E., De Neef, N., Coppens, V., Fransen, E., Schellens, E., Van Der Pol, M. und Morrens, M., 2020. Between Pleasure and Pain: A Pilot Study on the Biological Mechanisms Associated With BDSM Interactions in Dominants and Submissives. The Journal of Sexual Medicine, 17(4), 784-792. Laut Abstract wurden Beta-Endorphine bestimmt. Link ↑↑↑

  3. Wuyts, E. und Morrens, M., 2022. The Biology of BDSM: A Systematic Review. The Journal of Sexual Medicine, 19(1), 144-157. Link ↑↑↑↑

  4. Wuyts, E., 2022. BDSM: pathological or healthy expression of intimacy? European Psychiatry, 65(S1), S805-S806. Link ↑

  5. Wuyts, E., De Neef, N., Coppens, V., Schuerwegen, A., de Zeeuw-Jans, I., Van Der Pol, M. und Morrens, M., 2021. Beyond Pain: A Study on the Variance of Pain Thresholds Within BDSM Interactions in Dominants and Submissives. The Journal of Sexual Medicine, 18(3), 556-564. Link ↑

  6. Ambler, J. K., Lee, E. M., Klement, K. R., Loewald, T., Comber, E. M., Hanson, S. A., Cutler, B., Cutler, N. und Sagarin, B. J., 2017. Consensual BDSM facilitates role-specific altered states of consciousness: A preliminary study. Psychology of Consciousness: Theory, Research, and Practice, 4(1), 75-91. Link ↑↑↑

  7. Fuss, J., Steinle, J., Bindila, L., Auer, M. K., Kirchherr, H., Lutz, B. und Gass, P., 2015. A runner’s high depends on cannabinoid receptors in mice. Proceedings of the National Academy of Sciences, 112(42), 13105-13108. Link ↑

  8. Boecker, H., Sprenger, T., Spilker, M. E., Henriksen, G., Koppenhoefer, M., Wagner, K. J., Valet, M., Berthele, A. und Tolle, T. R., 2008. The runner’s high: opioidergic mechanisms in the human brain. Cerebral Cortex, 18(11), 2523-2531. Link ↑

  9. Butler, R. K. und Finn, D. P., 2009. Stress-induced analgesia. Progress in Neurobiology, 88(3), 184-202. Link ↑

  10. Dunkley, C. R., Henshaw, C. D., Henshaw, S. K. und Brotto, L. A., 2020. Physical Pain as Pleasure: A Theoretical Perspective. The Journal of Sex Research, 57(4), 421-437. Link ↑

  11. Sprott, R. und Randall, A., 2016. Black and blues: Sub drop, top drop, event drop and scene drop. Journal of Positive Sexuality, 2(3), 53-61. Link ↑↑↑