Leitfaden/Kapitel III
Sicherheit
Null Risiko gibt es nicht. Diese Seite sagt Praktik für Praktik, was schiefgehen kann, wie man es unwahrscheinlicher macht und wann man aufhört.

In diesem Kapitel
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Risiken verringern, nicht Sicherheit versprechen
Das Kürzel SSC (Safe, Sane, Consensual) versprach eine «sichere» und «geistig gesunde» Praxis. RACK, für Risk-Aware Consensual Kink, entstand als Antwort auf die Unschärfe dieser beiden Wörter: Man behauptet nicht, es sei ungefährlich, sondern verpflichtet sich, das Risiko zu kennen und es gemeinsam zu wählen. Der Rope Bottom Guide, geschrieben für Menschen, die gefesselt werden, sagt es gleich zu Beginn: Jede Fesselung birgt ein Risiko, selbst in erfahrenen Händen1. Diese Seite verfolgt deshalb ein bescheidenes und nützliches Ziel: Unfälle unwahrscheinlicher machen, sie früh erkennen, wissen, was zu tun ist.
Die Session vorbereiten
Bereite vor einer Session, dem eigentlichen Moment des Spiels, den Raum in der Annahme vor, dass etwas schiefgehen kann. In Griffweite, nicht in der Schublade nebenan:
- eine Sicherheitsschere mit abgerundeten Spitzen, die das, was du verwendest, wirklich durchschneidet;
- Wasser;
- eine Decke, weil man nach einer Session oft friert1;
- ein aufgeladenes Telefon.
Den Gesundheitszustand des Gegenübers kennen
Das gehört zur Verhandlung, nicht zur Indiskretion. Was zählt: Herz und Herzschrittmacher, Atemprobleme, bereits geschädigte Nerven, eingeschränkte Beweglichkeit, psychische Verletzlichkeiten1, aber auch Epilepsie, Diabetes, alte Verletzungen an Schultern, Handgelenken oder Rücken sowie laufende Behandlungen. Ein Gerinnungshemmer zum Beispiel macht Blutungen und grosse blaue Flecken wahrscheinlicher2: Impact Play wird dann anders verhandelt. Die Frage gilt in beide Richtungen, auch für die Person, die handelt.
Nie unter Alkohol oder Drogen
Santé publique France erinnert daran: Man muss spüren können, wann der Schmerz zu stark wird, und Drogen lassen das nicht immer zu3. Alkohol trübt auch die Einwilligung. 2005 bestätigte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte die Verurteilung zweier Männer, die während der Sessions viel tranken und trotz der «Stopp»-Rufe ihres Gegenübers weitergemacht hatten: Dessen anfängliche Zustimmung deckte das Weitere nicht ab4.
Red Flags und Green Flags
Sicherheit beginnt vor der ersten Session, bei der Wahl der Person, mit der man spielt. Grenzverletzungen sind nicht selten: In einer Online-Umfrage der National Coalition for Sexual Freedom unter 4 503 Praktizierenden gaben 29 % an, schon erlebt zu haben, dass eine ausgehandelte Grenze oder ihr Safeword, das vereinbarte Wort zum Aufhören, ignoriert wurde5. Die Stichprobe ist nicht repräsentativ, aber die Grössenordnung ist ein Grund, genau hinzuschauen, wie eine Person an das Spiel herangeht. Man spricht von Red Flags, Warnsignalen, und von Green Flags, beruhigenden Zeichen. Ein einzelnes Zeichen beweist nichts; mehrere zusammen schon. Diese Zeichen gelten übrigens für jede neue Begegnung, ob BDSM oder nicht. In den folgenden Listen bezeichnet «sie» die Person, mit der du zu spielen erwägst, unabhängig von ihrem Geschlecht.
Red Flags
- Sie will schnell vorankommen: kein Gespräch, ein erstes Treffen gleich im privaten Rahmen, eine intensive Session schon beim ersten Mal.
- Sie wischt deine Grenzen beiseite: «Echte Subs haben keine», «Du wirst sehen, es wird dir gefallen».
- Sie lehnt das Safeword ab, macht sich darüber lustig oder stellt es als etwas nur für Neulinge dar.
- Sie will kein Treffen an einem öffentlichen Ort, keinen Safe Call und nicht, dass dein Umfeld weiss, wo du bist.
- Sie schneidet dich von deinem Freundeskreis oder von der Community ab oder macht Menschen schlecht, die dich warnen.
- Sie schlägt vor zu spielen, nachdem ihr getrunken oder Drogen genommen habt.
- Sie hält kleine Abmachungen nicht ein (Uhrzeiten, Nachrichten, Fotos): Die grossen wird sie nicht besser einhalten.
- Sie bezeichnet sich als sehr erfahren, aber niemand kennt sie, oder alle, mit denen sie zusammen war, sind «verrückt».
- Sie verlangt intime Fotos, vor allem mit deinem Gesicht, oder deutet an, dass sie sie zeigen könnte.
- Die Dominanz geht über den vereinbarten Rahmen hinaus und greift auf dein Geld, deine Arbeit oder deine Beziehungen über.
Green Flags
- Sie stellt Fragen zu deinen Wünschen, deinen Grenzen und deiner Gesundheit, und sie hört auf die Antworten.
- Sie schlägt von sich aus ein Safeword und eine Stoppgeste vor und prüft, ob ihr beide sie gleich verstanden habt.
- Sie akzeptiert ein Nein, ohne nachzuhaken, und ein «noch nicht», ohne die Tage zu zählen.
- Sie fängt klein an und schlägt vor, danach gemeinsam Bilanz zu ziehen.
- Sie spricht von Aftercare, der Fürsorge nach der Session, und erkundigt sich am nächsten Tag, wie es dir geht.
- Sie gesteht ihre Fehler ein und spricht auch über ihre eigenen Grenzen.
- Sie geht an Munchs (informelle Treffen in einem Café) oder Workshops, andere Menschen kennen sie, und sie hat nichts dagegen, dass du mit anderen darüber sprichst.
- Sie respektiert dein Leben ausserhalb des Spiels.
Praktik für Praktik
Impact Play
Das Risiko: dort schlagen, wo Organe, Knochen oder Nerven nahe unter der Oberfläche liegen. Fleischige Bereiche halten etwas aus: Gesäss, obere Oberschenkel, oberer Rücken unter Aussparung der Schulterblätter. Gemieden werden Nieren, Wirbelsäule, Nacken, Gelenke, Bauch und Gesicht. Fang sanft an, steigere in Stufen, beobachte die Haut. Man hört auf, wenn sich der Schmerz in seiner Art verändert (stechend, tief, «nicht der richtige»), wenn die Haut ungeplant aufplatzt oder wenn die Antworten unklar werden.
Wachs
Das Risiko ist die Verbrennung: Nicht alle Kerzen schmelzen bei derselben Temperatur. Man verwendet Niedrigtemperaturkerzen, die für diesen Zweck gedacht sind (Paraffin oder Soja). Teste zuerst an deinem eigenen Unterarm, halte eine ausreichende Fallhöhe ein und geh nur schrittweise näher heran. Nie auf Schleimhäute und nie ins Gesicht. Man hört auf, wenn die Haut Blasen wirft oder hochrot bleibt. Feuerspiele dagegen lernt man nur in einem Workshop: Hier gibt es keine Technik.
Eis und Temperatur
Ein Eiswürfel, der über die Haut gleitet, ist wenig problematisch. Bleibt ein Eiswürfel oder ein Kühlpack dagegen liegen, kann das eine Kälteverbrennung verursachen. Wickle Kühlpacks in ein Tuch und halte Trockeneis von der Haut fern6. Bei Wärme gelten dieselben Regeln wie beim Wachs: an sich selbst testen, nichts liegen lassen. Man hört auf, wenn die Haut blass oder gräulich wird, wenn das Kribbeln einer Taubheit weicht oder wenn sich eine Blase bildet6.
Elektrizität
Nur mit Geräten, die für die Anwendung am Körper konzipiert sind. Nie oberhalb der Taille mit einem Gerät, das nicht dafür vorgesehen ist, nie quer über den Brustkorb und überhaupt nicht bei einem Herzschrittmacher. Selbst bei medizinischen Geräten zur Nervenstimulation (TENS) schliesst der britische Gesundheitsdienst den Hals, die gleichzeitige Anwendung an Brust und Rücken sowie Menschen mit Herzschrittmacher oder Epilepsie aus7. Man hört auf beim geringsten Unwohlsein, beim kleinsten Herzklopfen oder wenn die Haut unter einer Elektrode warm wird.
Klammern
Eine Klammer quetscht ein kleines Gewebevolumen und verlangsamt dort die Durchblutung. Je länger sie bleibt, desto mehr leidet die Stelle, und das Abnehmen ist oft heftiger als das Anlegen, wenn das Blut zurückkehrt. Bevorzuge verstellbare Klammern, beginne mit wenig Druck, nie auf verletzter Haut, und behandle das Abnehmen als vollwertigen Teil der Session, angekündigt und begleitet. Man hört auf, wenn die Stelle weiss und kalt wird oder wenn der Schmerz weiter steigt, statt sich zu stabilisieren.
Knebel und Sinnesentzug
Sobald das Sprechen verhindert ist, ist ein nonverbales Signal Pflicht, vorher vereinbart und getestet: einen Gegenstand fallen lassen, den man in der Hand hält, dreimal klopfen, einen vereinbarten Rhythmus brummen. Mit einem Knebel läuft die gesamte Atmung über die Nase. Ein Schnupfen, eine Allergie oder Tränen ändern deshalb die Lage, und nichts darf die Nase bedecken. Bei Übelkeit kommt der Knebel sofort heraus. Augenbinde, Kopfhörer und Ohrstöpsel nehmen Orientierungspunkte weg: Bleib in Kontakt, mit der Stimme oder mit der Hand. Man hört beim ersten Anzeichen von Atembeschwerden, Panik oder Übelkeit auf.
Nadeln und Klingen
Hier keine Technik: Das lernt man in einem Workshop, vor Ort, mit jemandem, der zeigt und korrigiert. Die Grundsätze sind nicht verhandelbar: steriles Einwegmaterial, ein Behälter für spitze Abfälle, nie im Verlauf eines Blutgefässes oder eines Nervs. Man hört auf, wenn eine Blutung auf Druck nicht nachlässt oder wenn die Person einen Schwächeanfall hat.
Psychospiele und Demütigung
Keine sichtbare Spur heisst nicht kein Risiko. Ein Wort kann auf eine echte Wunde drücken (der Körper, die Herkunft, die Vergangenheit), und der Schaden zeigt sich manchmal erst am nächsten Tag. Verhandle die Themen und die ausgeschlossenen Wörter, nicht nur die Praktiken: Das Porträt hilft, sie festzuhalten. Das Stoppsignal gilt auch für Worte. Plane eine Nachbesprechung mit kühlem Kopf ein, am nächsten oder übernächsten Tag: was gewirkt hat, was verletzt hat. Man hört auf, wenn die Person erstarrt, mechanisch antwortet oder abwesend wirkt. Sie ist vielleicht nicht mehr in der Lage, Stopp zu sagen.
Spiele aus der Ferne und allein
Eine Anweisung, die aus der Ferne gegeben wird, per Nachricht oder mit den Spielkarten, lässt die Person, die sie ausführt, mit dem Risiko allein. Self-Bondage, also sich selbst zu fesseln, ist die gefährlichste Praktik, die man allein ausübt. Die Regel steht nicht zur Diskussion: Allein nie eine Fesselung, aus der du dich nicht selbst befreien kannst, und nie etwas um den Hals oder etwas, das die Atmung behindert. Die Rechtsmedizin kennt den Ausgang, wenn Hals, Atmung und Alleinsein zusammenkommen: Eine Übersicht über 408 autoerotische Todesfälle, die zwischen 1954 und 2004 veröffentlicht wurden, zeigt, dass es sich vor allem um Erstickungsunfälle handelt8. Aus der Ferne kommt ein Check-in hinzu: «Antworte in zehn Minuten.» Bleibt die Antwort aus, ruft die Person, die die Anweisung gegeben hat, an und alarmiert dann jemanden, der vorbeikommen kann, oder den Rettungsdienst. Das setzt voraus, dass sie deine Adresse kennt.
Seile
Das ernsteste Risiko betrifft eher die Nerven als die Durchblutung1. In einer Fallserie von zehn Personen, die bei Suspensionen verletzt wurden, war bei neun von ihnen der Radialisnerv in der Mitte des Oberarms betroffen9. Schere in Griffweite, regelmässige Tests von Hand und Handgelenk, und Suspension lernt man vor Ort. Alles Weitere steht unter Seile und Nerven.
Atmung
Es gibt keine sichere Art, einen Hals zuzudrücken10. Bewusstlosigkeit kann innerhalb weniger Sekunden eintreten, Verletzungen sind nicht immer sichtbar, und ein Schlaganfall kann sich Tage später ereignen11. Diese Website gibt keine Technik weiter, weder eine «weniger riskante» noch eine andere. Die Seite Atmung und Strangulation erklärt, warum, und was man stattdessen tun kann.
Danach: Aftercare und Drop
Eine Session endet nicht mit dem letzten gelösten Knoten. Aftercare ist die Fürsorge danach: Wasser, eine Decke, Körperkontakt, ein paar Worte. Sie betrifft beide Rollen. Der Drop, das Tief, das folgen kann, kommt manchmal sofort, manchmal mehrere Tage später12. Erkundige dich am nächsten Tag, wie es geht. Die Einzelheiten stehen unter Körper.
Wann du den Rettungsdienst rufen solltest
Ruf sofort an bei Bewusstlosigkeit, auch kurzer, bei Atemnot, Schmerzen in der Brust oder bei Taubheit oder Schwäche, die anhalten, nachdem die Person losgebunden wurde.
| Land | Nummer |
|---|---|
| Schweiz | 144 (Sanitätsnotruf)13 |
| Frankreich | 15 (SAMU) oder 11214 |
| Belgien | 11215 |
| Québec | 91116 |
In der Schweiz funktioniert auch die 112, sogar mit einer ausländischen SIM-Karte13.
Weiterlesen
- Seile und Nerven: die Nerven, die geschützt werden müssen, die Tests während der Session und was zu tun ist, wenn ein Anzeichen auftritt.
- Atmung und Strangulation: warum der Hals aus dem Spiel bleibt und wie sich Hingabe anders spielen lässt.
- Heute Abend: vor einer Session deine Tagesform klären, Müdigkeit und Gesundheit eingeschlossen.
- Körper: was der Körper während und nach einer Session erlebt, Aftercare und Drop eingeschlossen.
Quellen
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Clover, 2020. The Rope Bottom Guide, französische Fassung (Übersetzung von Docvale), v4.2. Selbstverlag. Link ↑↑↑↑↑
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NHS, 2024. Anticoagulant medicines, side effects. National Health Service (Vereinigtes Königreich). Link ↑
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Santé publique France, o. J. BDSM entre hommes : attache-moi ! Sexosafe. Link ↑
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Cour européenne des droits de l’homme, 2005. K.A. et A.D. c. Belgique, Beschwerden Nr. 42758/98 und 45558/99, Urteil vom 17. Februar 2005. HUDOC. Link ↑
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National Coalition for Sexual Freedom, 2014. Consent Violations Survey, Online-Umfrage unter 4 503 Personen. NCSF. Link ↑
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Cleveland Clinic, 2026. Ice Burn Treatment & First Aid. Cleveland Clinic. Link ↑↑
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NHS 111 Wales, o. J. TENS (Transcutaneous electrical nerve stimulation). NHS 111 Wales. Link ↑
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Sauvageau, A. und Racette, S., 2006. Autoerotic deaths in the literature from 1954 to 2004: a review. Journal of Forensic Sciences, 51(1), 140-146. Link ↑
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Khodulev, V., Klimko, A., Charnenka, N., Zharko, M. und Khoduleva, H., 2023. Acute Radial Compressive Neuropathy: The Most Common Injury Induced by Japanese Rope Bondage. Cureus, 15(5), e39588. Link ↑
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Backal, N., 2024. Sex and strangulation: Dr. Debby Herbenick speaks at RSVP Center event. Student Life (Washington University in St. Louis). Link ↑
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Victoire, A., De Boos, J. und Lynch, J. M., 2022. ‘I thought I was about to die’: Management of non-fatal strangulation in general practice. Australian Journal of General Practice, 51(11). Link ↑
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Sprott, R. und Randall, A., 2016. Black and blues: Sub drop, top drop, event drop and scene drop. Journal of Positive Sexuality, 2(3), 53-61. Link ↑
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Confédération suisse et cantons, o. J. Urgences et dangers. ch.ch. Link ↑↑
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SPF Intérieur, o. J. Il y a toujours quelqu’un pour vous aider en cas de besoin. 112.be. Link ↑
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Gouvernement du Québec, o. J. Quand et comment utiliser le 911 au Québec. Québec.ca. Link ↑