Leitfaden/Kapitel VI
Was die Forschung sagt
Was Studien über Menschen sagen, die BDSM praktizieren, mit der Grösse der Stichproben, den Grenzen jedes Ergebnisses und den Vorurteilen, denen sie widersprechen.

In diesem Kapitel
In diesem Kapitel
Lange hat die Forschung zu BDSM vor allem danach gesucht, was mit den Praktizierenden nicht stimmt. Schliesslich hat sie gemessen, wie sie tatsächlich sind. Die Ergebnisse sind eher beruhigend. Sie haben aber auch echte Grenzen, die weiter unten ausgeführt werden, denn ein beruhigendes Ergebnis, das falsch gelesen wird, bleibt falsch gelesen.
Wohlbefinden und Persönlichkeit
Die Referenzstudie stammt aus den Niederlanden. Wismeijer und van Assen haben mit Online-Fragebögen 902 Praktizierende und 434 Kontrollpersonen verglichen. Die Praktizierenden waren weniger neurotisch (weniger anfällig für Angst und negative Gefühle), extravertierter, offener für Erfahrungen, gewissenhafter, weniger empfindlich gegenüber Zurückweisung und gaben ein besseres Wohlbefinden an. Nur ein Merkmal wies in die andere Richtung: Sie waren weniger «verträglich» im Sinn des Big-Five-Persönlichkeitsmodells, also weniger zu Gefälligkeit geneigt. Die beiden Autoren schliessen, dass BDSM eher einem Hobby gleicht als dem Ausdruck einer Psychopathologie1.
Eine spanische Replikation von 2024 mit 1’907 Personen bestätigt das Wesentliche: mehr sichere Bindung, Sorgfalt (Gewissenhaftigkeit), Offenheit und Wohlbefinden; weniger Neurotizismus, Empfindlichkeit gegenüber Zurückweisung und Verträglichkeit. Die psychologische Struktur ist dieselbe wie bei Nicht-Praktizierenden2. Eine US-amerikanische Studie mit 279 Praktizierenden findet keinen Unterschied in der Empathie zwischen Dominanten, Switches (die die Rollen wechseln) und Submissiven3.
Diese Studien vergleichen Gruppen zu einem bestimmten Zeitpunkt. Sie sagen nicht, dass BDSM glücklich macht, und auch nicht das Gegenteil. Es sind Gruppendurchschnitte: Sie machen keine Sexualität besser als eine andere.
Kein nachgewiesener Zusammenhang mit früherem Missbrauch
Das stärkste Argument kommt aus Australien. Richters und ihr Team befragten telefonisch eine repräsentative Stichprobe von 19’307 Personen zwischen 16 und 59 Jahren. Wer im vergangenen Jahr BDSM praktiziert hatte, hatte nicht häufiger sexuellen Zwang erlebt und war weder unglücklicher noch ängstlicher; praktizierende Männer zeigten sogar weniger psychische Belastung als die anderen4.
Ganz ungetrübt ist das Bild nicht. Eine finnische Studie mit 186 Mitgliedern von SM-Clubs fand mehr angegebenen sexuellen Missbrauch in der Kindheit als in der Allgemeinbevölkerung5, und eine Online-Umfrage mit 1’219 Personen bringt Missbrauch in der Kindheit mit sadomasochistischen Neigungen in Verbindung6. Es handelt sich um Stichproben aus Freiwilligen, und ein Zusammenhang sagt nicht, was was verursacht. Die Übersichtsarbeit des Teams um Brown über 60 Studien kommt zum Schluss, dass Modelle, die BDSM zum Symptom machen, wenig Rückhalt haben7.
Wie viele Menschen, und warum die Zahlen auseinandergehen
In Australien hatten 1,8 % der sexuell aktiven Personen im vergangenen Jahr BDSM praktiziert (2,2 % der Männer, 1,3 % der Frauen)4. In Belgien hatten von 1’027 für die Bevölkerung repräsentativen Personen 46,8 % im Lauf ihres Lebens mindestens eine BDSM-bezogene Aktivität ausgeübt, weitere 22 % hatten davon fantasiert, 26 % bezeichneten sich als interessiert und 7,6 % sahen sich als Praktizierende8. Die Übersicht von Brown verortet Fantasien je nach Studie zwischen 40 und 70 % und die Praxis bei rund 20 %7.
Diese Zahlen widersprechen sich weniger, als es scheint. Sie messen nicht dasselbe:
- den Zeitraum: die letzten zwölf Monate in Australien, das ganze Leben in Belgien;
- die Definition: ein Wort, «BDSM», oder eine Liste von 54 Aktivitäten, darunter einige sehr leichte;
- den Gegenstand: Fantasie, gelegentliche Praxis, regelmässige Praxis oder Identität;
- den Kontext: ein Telefoninterview 2001 und 2002, ein Fragebogen 2017.
Der Körper, kurz gefasst
Pilotstudien haben während echter Sessions einen Anstieg des Cortisols bei der empfangenden Person gemessen (58 Personen, dann 35 Paare), dazu Veränderungen der Endocannabinoide und eine höhere Schmerzschwelle bei den Submissiven910. Die Mechanismen hinter dem Subspace, dem veränderten Zustand, den manche Menschen während einer intensiven Session beschreiben, und dem Drop, dem Tief, das darauf folgen kann, bleiben Hypothesen. Die Einzelheiten, mit dem, was gemessen, und dem, was vermutet ist, stehen unter Was im Körper passiert.
Die Grenzen der Studien
Die meisten Studien rekrutieren Freiwillige online, über Websites oder Netzwerke der Szene. Die physiologischen Studien des Teams um Wuyts rekrutierten in der flämischen BDSM-Community, vor allem unter Stammgästen von Clubs1117. Es antworten jene, die sich mit dem Thema wohlfühlen, was das Bild schöner machen kann. Die Stichproben sind oft klein: 14 Personen für die Studie zur Aufmerksamkeit, 58 für die erste Hormonstudie. Die untersuchten Personen sind überwiegend weiss, gut ausgebildet und jung7. Fast alles beruht auf Selbstauskünften und Vergleichen zu einem einzigen Zeitpunkt, was Aussagen über Ursachen ausschliesst. Replikationen sind selten; die spanische Studie ist eine, und sie hält stand2.
Neurodivergenz: eine Spur, wenig Daten
Oft hört man, BDSM passe besonders gut zu autistischen Menschen oder zu Menschen mit ADHS: explizite Regeln, detaillierte Absprachen, gesuchte Reize. Es gibt Studien dazu, aber sie sind selten und wenig belastbar.
Pearson und Hodgetts befragten sechs autistische Erwachsene. Diese beschrieben die klare Kommunikation und den expliziten Konsens im BDSM als Sicherheit gebend, die sensorische Erkundung als Reiz, dazu die Freude daran, aus den Normen auszubrechen12. Das Team um Wignall legte 413 Menschen, die Pup Play praktizieren (ein Rollenspiel, bei dem man das Verhalten eines Welpen annimmt, siehe Pet Play), einen Online-Fragebogen vor: Jede zweite Person erreichte einen Wert, der auf autistische Züge hindeutet, gegenüber etwa einer von 44 in der Allgemeinbevölkerung. Die Forschenden sprechen von vorläufigen Ergebnissen, und ein Screening-Fragebogen ist keine Diagnose13. Zum Thema ADHS findet eine Online-Studie mit 160 Erwachsenen mit ADHS und 75 ohne bei den Ersteren häufiger paraphile Fantasien und Praktiken, die als sehr erregend empfunden werden, mit Unterschieden, die laut den Forschenden «eher klein» sind; sie befasst sich nicht speziell mit BDSM14.
Ehrliches Fazit: Es ist eine Hypothese mit schwachen Daten. Keine repräsentative Studie erlaubt die Aussage, dass neurodivergente Menschen im BDSM häufiger vertreten sind.
Mythen
«Es ist die Folge eines Traumas»
Die einzige grosse repräsentative Stichprobe findet bei Praktizierenden nicht häufiger früheren sexuellen Zwang4. Die Studien, die mehr angegebenen Missbrauch finden, beruhen auf Freiwilligen und sagen nichts über die Ursache56. Wer Gewalt erlebt hat, kann trotzdem BDSM praktizieren; manchmal braucht es dann feinere Absprachen, zum Beispiel über Worte oder Gesten, die zu vermeiden sind.
«Es ist von Natur aus gewalttätig»
Was eine Session von einem Übergriff unterscheidet, ist der Konsens, nicht die Intensität der Handlung. In den von Sagarin beobachteten Sessions gehörten Gesten der Aufmerksamkeit und Zuneigung zu den Aktivitäten, und gelungene Sessions endeten mit weniger Stress und mehr Nähe9. Wird ein Stopp dagegen nicht mehr respektiert, ist es kein BDSM mehr: Das sagt auch das Recht (siehe Recht).
«Die dominante Person entscheidet alles»
Grenzen werden gemeinsam ausgehandelt, und der Konsens kann jederzeit zurückgezogen werden. In den Interviews von Hébert und Weaver (9 Dominante, 12 Submissive) beschreiben sich die Dominanten als aufmerksam und verantwortungsbewusst und nennen den Aufwand und die Verantwortung, die damit einhergehen, unter den Schwierigkeiten der Rolle15.
«Das Safeword genügt»
Nein. Nach einer Session schneiden Bottoms, also die empfangenden Personen, in einem Aufmerksamkeitstest schlechter ab, und die Schmerzschwelle der Submissiven steigt1617. Weniger Schmerz und weniger Urteilsvermögen: Das Safeword, das vereinbarte Wort zum Aufhören, kommt womöglich nicht. Es dient als Netz. Die aktive Überwachung durch die führende Person bleibt unverzichtbar (siehe Konsens).
«Fifty Shades of Grey ist ein Vorbild»
Eine Analyse des ersten Romans stellt in fast jeder Interaktion psychische Gewalt fest, dazu Alkohol, der eingesetzt wird, um die Einwilligung zu schwächen18. Praktizierende werfen dem Buch ausserdem vor, die Vorlieben von Christian Grey als zu überwindende Pathologie darzustellen20, genau das Modell, das die Studien oben nicht stützen. Zur Geschichte des Phänomens siehe Geschichte.
Was belegt ist und was eine Hypothese bleibt
| Aussage | Evidenzgrad | Worauf es beruht |
|---|---|---|
| Einvernehmliches BDSM ist an sich keine Störung | Belegt | ICD-11 und DSM-519 |
| Wohlbefinden gleich hoch oder höher als bei Nicht-Praktizierenden | Gut gestützt, nicht repräsentative Stichproben | 902 + 434 Personen; Replikation mit 1’907 |
| Kein Zusammenhang mit früherem Missbrauch | Gestützt durch eine nationale Stichprobe; gegenteilige Daten bei Freiwilligen | 19’307 Personen; 186 und 1’219 Personen |
| Interesse an BDSM ist verbreitet | Belegt in Belgien | 1’027 repräsentative Personen |
| Cortisol und Endocannabinoide verändern sich während einer Session | Pilotstudien | 58 Personen; 35 Paare |
| Subspace = teilweises Herunterfahren des präfrontalen Kortex | Plausible Hypothese | 14 Personen |
| Sub Drop = hormoneller Absturz | Ungetestete Hypothese | Keine Studie |
| BDSM und Neurodivergenz | Hypothese, schwache Daten | 6 Interviews; 413 und 235 Online-Teilnehmende |
Weiterlesen
- Was im Körper passiert: Cortisol, Endocannabinoide, Subspace und Drop, Gemessenes gegen Vermutetes.
- Geschichte: wie BDSM aus den psychiatrischen Klassifikationen verschwand.
- Konsens: was eine Absprache abdecken muss, damit die Forschung oben auch bei dir zutrifft.
- Porträt: der grosse Fragebogen, um deine Wünsche und Grenzen Praktik für Praktik einzuordnen.
Quellen
-
Wismeijer, A. A. J. und van Assen, M. A. L. M., 2013. Psychological characteristics of BDSM practitioners. The Journal of Sexual Medicine, 10(8), 1943-1952. Link ↑
-
Lecuona, O., Martínez-Barajas, O., Gimeno-Martín, A. et al., 2024 (online), 2025 (Heft). Not Twisted, Just Kinky: Replication and Structural Invariance of Attachment, Personality, and Well-Being Among BDSM Practitioners. Journal of Homosexuality, 72(6), 1079-1108. Link ↑↑
-
Jansen, K. L., Fried, A. L. und Chamberlain, J., 2021. An Examination of Empathy and Interpersonal Dominance in BDSM Practitioners. The Journal of Sexual Medicine, 18(3), 549-555. Link ↑
-
Richters, J., de Visser, R. O., Rissel, C. E., Grulich, A. E. und Smith, A. M., 2008. Demographic and psychosocial features of participants in bondage and discipline, "sadomasochism" or dominance and submission (BDSM): data from a national survey. The Journal of Sexual Medicine, 5(7), 1660-1668. Link ↑↑↑
-
Nordling, N., Sandnabba, N. K. und Santtila, P., 2000. The Prevalence and Effects of Self-Reported Childhood Sexual Abuse Among Sadomasochistically Oriented Males and Females. Journal of Child Sexual Abuse, 9(1), 53-63. Link ↑↑
-
Abrams, M., Chronos, A. und Milisavljevic Grdinic, M., 2022. Childhood abuse and sadomasochism: New insights. Sexologies, 31(3), 240-259. Link ↑↑
-
Brown, A., Barker, E. D. und Rahman, Q., 2020. A Systematic Scoping Review of the Prevalence, Etiological, Psychological, and Interpersonal Factors Associated with BDSM. The Journal of Sex Research, 57(6), 781-811. Link ↑↑↑
-
Holvoet, L., Huys, W., Coppens, V., Seeuws, J., Goethals, K. und Morrens, M., 2017. Fifty Shades of Belgian Gray: The Prevalence of BDSM-Related Fantasies and Activities in the General Population. The Journal of Sexual Medicine, 14(9), 1152-1159. Link ↑
-
Sagarin, B. J., Cutler, B., Cutler, N., Lawler-Sagarin, K. A. und Matuszewich, L., 2009. Hormonal changes and couple bonding in consensual sadomasochistic activity. Archives of Sexual Behavior, 38(2), 186-200. Link ↑↑
-
Wuyts, E. und Morrens, M., 2022. The Biology of BDSM: A Systematic Review. The Journal of Sexual Medicine, 19(1), 144-157. Link ↑
-
Wuyts, E., De Neef, N., Coppens, V., Fransen, E., Schellens, E., Van Der Pol, M. und Morrens, M., 2020. Between Pleasure and Pain: A Pilot Study on the Biological Mechanisms Associated With BDSM Interactions in Dominants and Submissives. The Journal of Sexual Medicine, 17(4), 784-792. Link ↑
-
Pearson, A. und Hodgetts, S., 2024. "Comforting, Reassuring, and…Hot": A Qualitative Exploration of Engaging in Bondage, Discipline, Domination, Submission, Sadism and (Sado)masochism and Kink from the Perspective of Autistic Adults. Autism in Adulthood, 6(1), 25-35. Link ↑
-
Wignall, L., Moseley, R. und McCormack, M., 2023 (online), 2025 (Heft). Autistic Traits of People Who Engage in Pup Play: Occurrence, Characteristics and Social Connections. The Journal of Sex Research, 62(3), 330-340. Link ↑
-
Turner, D., Gregório Hertz, P., Biedermann, L., Barra, S. und Retz, W., 2024 (online), 2025 (Heft). Paraphilic fantasies and behavior in attention deficit/hyperactivity disorder and their association with hypersexuality. International Journal of Impotence Research, 37(3), 251-257. Link ↑
-
Hébert, A. und Weaver, A., 2015. Perks, problems, and the people who play: A qualitative exploration of dominant and submissive BDSM roles. The Canadian Journal of Human Sexuality, 24(1), 49-62. Link ↑
-
Ambler, J. K., Lee, E. M., Klement, K. R. et al., 2017. Consensual BDSM facilitates role-specific altered states of consciousness: A preliminary study. Psychology of Consciousness: Theory, Research, and Practice, 4(1), 75-91. Link ↑
-
Wuyts, E., De Neef, N., Coppens, V. et al., 2021. Beyond Pain: A Study on the Variance of Pain Thresholds Within BDSM Interactions in Dominants and Submissives. The Journal of Sexual Medicine, 18(3), 556-564. Link ↑↑
-
Bonomi, A. E., Altenburger, L. E. und Walton, N. L., 2013. "Double crap!" abuse and harmed identity in Fifty Shades of Grey. Journal of Women’s Health, 22(9), 733-744. Link ↑
-
Krueger, R. B., Reed, G. M., First, M. B., Marais, A., Kismodi, E. und Briken, P., 2017. Proposals for Paraphilic Disorders in the International Classification of Diseases and Related Health Problems, Eleventh Revision (ICD-11). Archives of Sexual Behavior, 46(5), 1529-1545. Link ↑
-
Wikipedia (englischsprachig), abgerufen 2026. Fifty Shades of Grey, Abschnitt zur kritischen Rezeption. Wikimedia. Link ↑